Wer aufs Meer schaut, blickt in seine Seele

Den ganzen Tag hatte es schon in Strömen geregnet. Mit Einsetzen der Flut nahm der Wind zu. In der Dunkelheit hörte ich das Wasser mehr, als dass ich es sah: Sein Brausen, Zischen und Tosen, Meter für Meter rollte das Meer den Strand hinauf.

Graustufenbild einer Welle und Wolken
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Durchgefroren und nass bis auf die Knochen machte ich mich auf den Weg zurück zum Ferienhaus. Auch durch den Kamin pfiff der Wind und schüttelte das kleine Feuer, das ich gemacht hatte. Ich wickelte mich in eine Decke.

Meine Insel-Oma kam mir in den Sinn, unerschrocken und wettergegerbt, die bei nächtlichem Sturm und Unwetter immer mit ihrem gepackten Köfferchen in der Küche gesessen hatte. Sie hatte uns Kindern Geschichten erzählt – und zwischendurch immer wieder innegehalten, um nach draußen zu horchen. „Wenn die Flut mit einem Sturm kommt“, hatte sie damals gesagt, „geschehen Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht erklären können.“ Von einer Frau im roten Rock war dann die Rede, die über die Deiche lief und heulte. Der „blanke Hans“, wie sie die Nordsee genannt hatte, verzeihe keinen Hochmut, zu viele hätten das schon am eigenen Leib erfahren müssen. Er verdiene Respekt und er verdiene Ehrfurcht. Und dann erzählte sie meist von der versunkenen Stadt Rungholt, dem Atlantis der Nordsee.

Rungholt sei für damalige Zeiten eine große Stadt gewesen, fast halb so groß wie Hamburg, und ein wichtiger Handelshafen. Die Bürger Rungholts verkauften Salz, das sie Land und Meer abgerungen hatten. Sie waren reich und fühlten sich sicher. Eines Abends im tiefsten Winter, so sagt es die Legende, machten sie ein Schwein betrunken, legten es ins Bett und drängten den Priester, ihm die Sterbesakramente zu geben. Der Priester entkam und bat Gott, die Gotteslästerer zu bestrafen. Ein Sturm zog auf. Die Männer liefen auf den Deich und verhöhnten die See: „Trutz, blanke Hans!“, riefen sie. Und das Wasser stieg und stieg und verschlang die Stadt und alle, die darin wohnten. Als „Grote Mandränke“ ging die Flutkatastrophe am 16. Januar 1362 in die Geschichte ein.

Nahaufnahme von Wasser im Meer unter klarem Himmel
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Die schicksalhafte Flut veränderte das Gesicht der Küstenlinie an der Nordsee für immer. Von der Großstadt am Meer sind neben den alten Geschichten nur Tonkrüge, Ofenkacheln und Splitter im Watt geblieben. Dass es Rungholt wirklich gegeben hat, ist heute durch ein historisches Dokument gesichert, das den Handel zwischen Kaufleuten aus Hamburg mit Bürgern von Rungholt belegt.

Wenn der Morgen graute und der Sturm sich gelegt hatte, war Oma ins Bett gegangen und sofort eingeschlafen. In meinem Ferienhaus klapperten zwar noch die Fensterläden, doch der Wind war deutlich weniger geworden. Ich beschloss, es Oma gleichzutun und ging zur Haustür, um sie abzuschließen und den Vorhang vorzuziehen. Und da hörte ich es: Der Wind trug ein nächtliches Glockenläuten zu mir herüber, mal ganz nah, mal weit entfernt wie aus einer anderen Zeit. Ein Schauer lief mir über den Rücken.

Von FISCHERTEXT. UND PR.