Manche Urlaubserinnerungen passen nicht in einen Koffer. Sie stecken im Duft von frisch bearbeitetem Holz, im warmen Wachs einer selbstgezogenen Kerze oder in den Geschichten von Menschen, die ihr Handwerk seit Generationen pflegen. Überall in Schleswig-Holstein öffnen Werkstätten, Museen und Manufakturen ihre Türen und zeigen, wie aus Geduld, Erfahrung und geschickten Händen etwas Besonderes entsteht. Das Schöne daran: Vieles lässt sich nicht nur beobachten, sondern auch selbst ausprobieren.
Handwerkskunst im Urlaub entdecken
Vom Goldglanz bis zum Obstbrand
Auf Gut Basthorst im Herzogtum Lauenburg treffen gleich mehrere traditionelle Handwerke aufeinander. In der Feingeisterei entstehen in einer holzbefeuerten Kupferbrennblase feine Edelbrände und Geiste, während nebenan historische Möbel mit Blattgold veredelt werden. Wer tiefer eintauchen möchte, kann in Vergolder-, Fassmalerei- oder Restaurierungskursen selbst den Pinsel oder das Werkzeug in die Hand nehmen.
Wenn Stoff Geschichten erzählt
Dass Handwerk und Industriegeschichte eng miteinander verwoben sind, zeigt das Museum Tuch + Technik in Neumünster. Zwischen historischen Webstühlen und modernen Mitmachstationen wird sichtbar, wie aus Fasern Stoffe entstehen und warum das Tuchweberhandwerk die Stadt über viele Jahrhunderte geprägt hat. Viele Exponate dürfen ausprobiert werden. Und so manches schöne Stück, das auf den Handwebstühlen des Museums entstanden ist, kann man im Anschluss im Museumladen shoppen.
Natur als Werkstatt
Manchmal liegen die wertvollsten Materialien direkt am Wegesrand. In Horst bei Elmshorn führt Stephanie Wiermann durch die Welt der Wildkräuter und Heilpflanzen. Bei Kräuterwanderungen und Workshops wird aus vermeintlichem „Unkraut" plötzlich Tee, Naturkosmetik oder eine würzige Zutat für die Küche.
Auf Fehmarn verwandeln sich wiederum Strandsteine in kleine Kunstwerke. In Andrea Osterkamps Atelier entstehen aus sorgfältig geschliffenen Ostseefunden individuelle Schmuckstücke. Wer mag, fertigt im Workshop sogar seinen eigenen Anhänger aus Ostseejade. Ein Urlaubsandenken mit persönlicher Geschichte!
Holz, Rum und Strandkörbe
Im Norden Schleswig-Holsteins lebt maritimes Handwerk weiter. In der Museumswerft Flensburg entstehen nach historischen Plänen traditionelle Holzboote und Segelschiffe. Besucherinnen und Besucher erleben den laufenden Werftbetrieb aus nächster Nähe und sehen, wie alte Schiffszimmermannskunst bis heute gepflegt wird.
Nur wenige Straßen weiter erzählt eine Rumführung bei Johannsen von Flensburgs Vergangenheit als Rumstadt. Zwischen historischen Rezepturen, Handarbeit und Verkostung verbindet sich Genuss mit spannender Kulturgeschichte.
Nordseegefühl entsteht dagegen in Friedrichstadt. In einer Strandkorbmanufaktur lassen sich Tischlerei, Flechterei und Polsterei bei der Arbeit beobachten. Schritt für Schritt wächst hier der wohl typischste Sitzplatz der Küste heran. Übrigens schmeckt aber auch einfach nirgendwo ein handgemachtes Fischbrötchen besser als in einem Strandkorb!
Inselige Mitbringsel
Auch auf Sylt oder Eiderstedt zeigt sich, dass Handwerk oft mehr ist als ein schönes Souvenir. In Morsum verarbeitet Goldschmiedin Edda Raspé Strandfunde zu individuellem Schmuck. In der Kerzendiele in Garding wächst dagegen Schicht für Schicht eine selbstgezogene Kerze heran – ganz entschleunigt und fast meditativ.
Vielleicht ist genau das das Besondere am alten, norddeutschen Handwerk: Es erzählt Geschichten von Tradition und Kreativität, vom sorgfältigen Arbeiten und vom Wert der Zeit. Und manchmal entsteht dabei die schönste Urlaubserinnerung nicht im Geschäft, sondern mit den eigenen Händen.
Autorin
Tina Ott
Dem Geburtsort im Ausweis zufolge mag sie zwar eine Karlsruher Suppennudel sein. Aber Tina ist seit Jahrzehnten mit Leib, Seele und Vokabular eingenordet: zu Hause in Kiel, glücklich bei Meerblick und gleichermaßen vernarrt in die norddeutsche Landschaft wie in den trockenen Humor der Menschen, die zwischen den Meeren leben und lachen.