Vier Männer, die sich als Wikinger verkleidet haben © Katarina Knop© Katarina Knop

Von Hait­ha­bu in die gan­ze Welt: Die Wi­kin­ger aus dem Nor­den

Vor 1200 Jahren revolutionierten die Wikinger den weltweiten Handel. Heute ist Schleswig-Holstein der perfekte Ort, um auf ihren Spuren zu wandeln. Und wer will, kann sogar selbst zum Wikinger werden.

Wikinger-LEBEN

Jedes Jahr im August verwandeln die „Wikinger­Tage“ die Schleswiger Königswiesen am Schleiufer in eine große Wikingersiedlung mit Kultplatz, Kampfarena und Handwerkerdorf, auch für kleine Wikis. Auf Nachbauten historischer Schiffstypen geht es in denselben Gewässern auf Törn, in denen schon die Wikinger kreuzten: Das Museum Haithabu, das am Originalschauplatz über das Wikingerleben informiert, liegt gleich auf der anderen Uferseite. In der rekonstruierten Hofanlage Valsgaard in Wallsbüll kann man das ganze Jahr über auf Wikingerart kochen, weben, handwerken oder einfach am Lagerfeuer sitzen. So friedlich ging es damals allerdings nicht zu, das verrät schon der Name: „Vikingr“ ist altnordisch und bedeutet „Pirat“ oder „Räuber“, „viking“ heißt „Beutezug“. Die Nordmänner überfielen Länder in ganz Europa. Ihre Schiffe waren leicht, wendig und schnell. Die enorme Reichweite der Boote kam übrigens erst durch Segel aus Schafswolle zustande, die mit Pferdefett imprägniert wurden, um sie gegen das Meer zu schützen. Mit der Beute sicherten sich die Clanführer die Loyalität ihres Gefolges.

Wikinger in der Region

Ein Wikingerschiff am Ufer bei Haithabu © imago/nordpool© imago/nordpool

Wikinger-WEGE

Die Wikinger waren nicht nur auf dem Wasser unterwegs, sondern auch zu Land. Ihre Welt war neben den Meeren auch ein weitverzweigtes Netz aus Handelsstraßen und Flüssen. Alles verbunden durch besondere Knotenpunkte wie den Handelsplatz Haithabu. Ochsenkarren brachten die Waren über Land zum Hafen, wo sie auf Schiffe verladen wurden und via Treene und Eider das Meer erreichten. Der Ochsenweg verband als Nord-Süd-Achse Nordjütland mit Mitteleuropa. Jeder, der dorthin wollte, musste durch das einzige Tor im Danewerk und an Haithabu vorbei. Diese historischen Routen gibt es heute noch. Man kann sie sportlich nehmen oder gemütlich, mit leichtem Gepäck oder mit Fernwanderwegausstattung für mehrere Tage. Der Wikinger-Friesen-Weg führt Radfahrer von St. Peter-Ording bis Maasholm. Ein Audioguide erzählt etappenweise aus der Geschichte. Auf dem Ochsenweg geht es durchs grüne Binnenland Schleswig-Holsteins bis an den dänischen Limfjord. Der Archäologische Park Danewerk lockt zum Wandern. Eine neue Sicht aufs Land haben Kanuten, die in den Flusslandschaften von Treene und Eider paddeln.

Illustration eines Runensteins aus Haithabu © Raufeld Medien© Raufeld Medien

Wikinger-WISSEN

Mehr als 250 Jahre lang führte für Kaufleute und Händler an Haithabu kein Weg vorbei, sobald sie das Danewerk, das größte Verteidigungssystem des Nordens, passiert hatten. Sie kamen von der Seidenstraße, aus Byzanz, dem Irak, Córdoba, Russland, Skandinavien und dem Fränkischen Reich. Kein Wunder also, dass der Boden der Region wie ein riesiger Wissensspeicher für Archäologen und Historiker ist. Denn in Haithabu wurde gehandelt, was die damalige Welt an Alltagsgegenständen und Rohstoffen zu bieten hatte: Quecksilber, Seide, Eisen, Bergkristall, Glas, Gewürze, Pelze, Wachs, Speckstein für Kochgeschirr und neuartige Basaltmühlsteine. Mal im Tausch, mal gegen Geld. Währungen gab es so viele wie Sprachen. Seit 1900 wird in Haithabu gegraben und es vergeht kaum ein Jahr ohne neue Funde. Das Wikinger-Museum Haithabu zählt zu den bedeutendsten archäologischen Museen Deutschlands. 2018 erklärte die UNESCO Haithabu und das Danewerk zum Weltkulturerbe.

Illustration eines Wikingerschiffs © Raufeld Medien© Raufeld Medien

Drei Fragen an Barbara Post und Stefan Lipsky, die ein Buch über die Wikinger geschrieben haben.

/ Interview: Susanne Kollmann

Was können wir heute noch von Wikingern lernen?

Vielleicht ihre Neugier. Das Heim hieß im Alt-Nordischen „Heimr“, und daraus leitete sich „heimskr“ ab: einfältig. Das heißt: Wer zu Hause blieb, galt als dumm. So brachten die Neugier der Seefahrer und Händler und die Angriffslust der Krieger neuen Reichtum und neue Ideen in die Welt – und damit den Wandel.

Illustration eines Wikingerhelms aus Norwegen. © Raufeld Medien© Raufeld Medien

Waren Wikinger neugieriger und mutiger als andere?

Mutiger vielleicht, aber auf jeden Fall emanzipiert. Man sollte die Rolle der Frauen nicht unterschätzen! Wenn die Männer im Frühjahr lossegelten, war nicht gesagt, dass sie im selben Jahr wieder nach Hause kamen. Die Frauen waren dann allein verantwortlich für Haus und Hof. Verbürgt sind sogar Geschichten von Frauen, die allein nach Island auswanderten. Dazu gehörte schon eine Menge Mut.

Was gehört ins Reich der Mythen?

Trinkhörner und Hörnerhelme! Die sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die echten Wikinger trugen sie nie. Garantiert: nie! Denn Hörnerhelme wären im Kampf lebensgefährlich gewesen, weil ein Schwerthieb nicht am Kopfschutz abgleiten konnte. Aus Hörnern wurde höchstens Met getrunken. In Walhall servierten Walküren den Göttertrank in Hörnern, damit die Helden mit Odin trinken und feiern konnten.

Buchtipp: „Faszination Wikinger“, Theiss-Verlag, Darmstadt 2017