Arved Fuchs auf seinem Boot Dagmar Aaen.© Nils Bröer / Raufeld Medien

Ar­ved Fuchs – Wan­de­rer zwi­schen den Wel­ten

Arved Fuchs, Polarforscher, ist einer der bekanntesten deutschen Abenteurer. Auf seinen Expeditionen hat er Arktis und Antarktis erkundet und zahlreiche Bücher über das Leben und Reisen außerhalb der Komfortzone geschrieben. Ein Gespräch über seine Heimat Schleswig-Holstein, Fernweh, den Kampf gegen die Erderwärmung und warum er dem Norden immer treu geblieben ist.

Herr Fuchs, Sie gehören zu den Menschen, die mehr von der Welt gesehen haben, als die meisten anderen. Trotzdem leben Sie immer noch in Ihrem Elternhaus in Bad Bramstedt. Sie sind Schleswig- Holstein sogar während Ihres Studiums in Flensburg immer treu geblieben. Haben Sie mal überlegt, wegzuziehen?

Ich habe als junger Mann man überlegt, nach Kanada zu ziehen und dort zu leben, weil ich dort viel Zeit verbrachte habe und weil mich das Land in seiner Weite und seiner Vielfalt unheimlich angesprochen hat. Und natürlich die urwüchsige arktische Region und die Mentalität der Leute. Meinen Lebensmittelpunkt habe ich dann aber in Schleswig-Holstein gefunden. Und daran hat sich seitdem nichts geändert.

Was macht das Land denn für Sie so besonders für Sie? Ist es Bad Bramstedt? Sie hätten ja auch nach Kiel ziehen können oder nach Flensburg?

Das ist es nicht alleine. Ich lebe hier mit meiner Frau im Grünen und Schleswig-Holstein ist für mich immer ein Ruhepol gewesen. Gerade weil ich so viel unterwegs bin, und weil ich so viele unterschiedliche Landschaften und Kulturen erfahren habe, hat es mich immer wieder zu einem Punkt zurückgezogen, wo man selbst sich resetten kann.

Ich glaube, das braucht man auch. Vor allem vom Kopf her, um Abstand zu gewinnen zu dem, was man gesehen hat. Das sind ja sehr intensive Erlebnisse. Und: Ich mag einfach diese Landschaft. Ich wohne in Bad Bramstedt nicht weil es mein eigenes Elternhaus ist, sondern weil es so schön gelegen ist. Mitten im Wald auf der Wiese. Meine Frau und ich haben das Haus vor Jahren gekauft und wir fühlen uns sehr wohl hier. Meine Frau arbeitet als selbstständige Architektin in Bad Bramstedt und es war unser beider Wunsch, hier unser Zelt aufzuschlagen. Strategisch lebt man hier natürlich auch sehr günstig. Ich bin sehr schnell in Hamburg. Das ist das Tor zur Welt.

„Das ist schon ganz richtig hier.“

 

Aber auch nach Flensburg ist es nicht weit. Dort liegt mein Schiff und wir haben dort sehr viele Freunde. Man ist schnell an der Nordsee und an der Ostsee, mit allen Vorzügen, die das Leben hier hat. Deshalb hat sich für mich auch nie die Frage gestellt, irgendwo anders hinzuziehen. Das ist schon ganz richtig hier.

Das Steuerrad auf dem Boot Dagmar Aaen.© Nils Bröer / Raufeld Medien

Die Freiheit der Arktis, die Freiheit der Meere: Sie haben schon viel erlebt, aber Sie kommen immer wieder zurück. Können Sie in SH noch staunen. Sie haben immer wieder von Bildern gesprochen, die nicht verblassen, haben Sie noch solche Momente in SH?

Pausenlos! Ich bin jemand, der die Natur sehr intensiv beobachtet und habe das Frühjahr 2020 während der ersten Coronawelle sehr bewußt erlebt. Ich habe versucht, aus dieser sehr schwierigen Lebenssituation, die uns alle betroffen hat, das Beste zu machen und war so oft es ging draußen unterwegs: Das Grünwerden der Natur, die Vogelbrut, dieses Wiedererstarkten! Das ist etwas, das man hier ganz intensiv erlebt.

Und das bringt mich wirklich immer wieder zum Staunen. Zu erleben, wie vielfältig und wie großartig die Natur hier eigentlich ist, empfinde ich als großes Glück. Und das bezieht sich eben nicht nur auf Grönland oder die Antarktis, sondern auch auf Schleswig-Holstein. Auf das, was wir hier haben, und das wir immer ein bisschen als selbstverständlich betrachten. Aber nichts ist selbstverständlich und insofern genieße ich das in vollen Zügen.

Was nehmen sie von Zuhause mit, wenn Sie sich auf den Weg machen und was bringen Sie wieder mit?

Ich bin ja schon immer ein Wanderer zwischen den Welten gewesen. Ich bin Kosmopolit und auf der Welt zuhause. Wenn ich von hier weggehe, um nach Grönland zu fahren, dann ist das für mich auch ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Es ist eine ganz andere Natur, mit ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten, aber mir ist das so vertraut, dass ich mich da wohl fühle.

Ich mag gerade den Wechsel zwischen den Welten. Zwischen der hiesigen Welt, wo ich mich mit in aller Selbstverständlichkeit durch die Großstadt bewege, so wie ich mich über das grönländische Inlandeis mit der gleichen Selbstverständlichkeit bewege.

„Ich mag gerade den Wechsel zwischen den Welten.“

 

Das sind mir vertraute Lebenswelten und ich kann gar nicht sagen, dass ich die eine gegen die andere abwäge. Ich möchte in beiden Welten präsent sein. Ich glaube, wer nie von zuhause weggegangen ist, der weiß auch nicht wie schön es ist, zurückzukehren.

Was ist eigentlich schlimmer: Heimweh oder Fernweh?

Heimweh und Fernweh sind für mich identisch. Wenn ich hier bin, habe ich Heimweh nach Grönland, nach der Antarktis oder nach Spitzbergen weil ich dort so präsent bin und so viel kenne. Wenn ich dann dort bin, überkommt mich zwar nicht sofort das Heimweh nach Zuhause, aber natürlich sehnt man sich nach dieser Welt und vor allem natürlich nach den Menschen. Und das ist im übrigen auch etwas, das ich an Schleswig-Holstein sehr schätze. Ich mag den Menschenschlag, ich bin einer von denen. Hier fühle ich mich sehr geerdet und sehr zuhause.

Sie sind Zeitzeuge des Klimawandels geworden spätestens, als Sie 2002 die Nord-Ost-Passage passieren konnten, ohne im Eis steckenzubleiben. Wann haben Sie gemerkt, hier verändert sich was, hier kommt etwas aus der Balance? Was tun Sie dagegen?

Ich hab ja mal als junger Mensch beschlossen, diesen Werdegang einzugehen und das ist deshalb passiert, weil mir die Natur immer sehr viel bedeutet hat, und weil ich viel Spaß an Natursportarten hatte. Wenn man so etwas macht wie ich, dann wird man zu einem sehr genauen Beobachter. Denn das, was draußen in der Natur passiert ist dann existenzrelevant. Wenn ich einen Sturm nicht rechtzeitig erkenne, dann gehe ich darin vielleicht unter. Und wenn ich das Eis nicht richtig deuten kann, breche ich ein.

„Ich sehe mich in der Pflicht des Chronisten, der den Finger in die Wunde legen muss.“

 

Wenn man merkt, das sich plötzlich etwas verändert, muss man sich immer fragen: Woran liegt das? In den frühen 90ern habe ich angefangen, wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema globale Erwärmung zu lesen konnte die Folgen des Klimawandels immer präziser beobachten. Ich hab immer gesagt, du kannst nicht einfach zurückkommen, schöne Bilder zeigen und schöne Geschichte erzählen. Im Gegenteil: Ich sehe mich in der Pflicht des Chronisten, der den Finger in die Wunde legen muss.

In den 90ern habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass sich im arktischen Raum etwas verändert. Plötzlich hatten wir andere Eisverhältnisse. Wo sonst immer Eis war, konnten wir plötzlich ganz einfach passieren. Da bin ich stutzig geworden. Aus diesen Erfahrungen und dieser Sensibilisierung ist mein Engagement entstanden, der Natur, die mir so viele gegeben hat, auch etwas zurückzugeben.

Mir ist es wichtig, gerade junge Menschen für die Thematik zu sensibilisieren. Zum Beispiel über unser Jugendcamp, das schon seit 2007 läuft (Ice Climate Education). Man hat den Klimawandel bisher immer an Orten wie der Arktis und der Antarktis festgemacht, aber inzwischen wissen wir dass der Klimawandel drastische Auswirkungen auch auf Schleswig-Holstein hat.

An der Nordseeküste wird der Klimadeich gebaut, ein Ding, das man vor Jahren noch gar nicht kannte. Die Halligen sind gefährdet und an der Ostseeküste ist Erosion ein zunehmendes Problem. Das betrifft die Menschen hier unmittelbar vor Ort. Ich möchte die kausalen Zusammenhänge verdeutlichen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ohne die moralische Keule zu schwingen – das steht mir und anderen Menschen im übrigen auch gar nicht zu. Denn ich bin ja selbst auch Teil des Problems.

Ich möchte erörtern, ich möchte transparent machen und ich möchte die Menschen mitnehmen auf eine virtuelle Reise, das ist mein Anliegen.

Die Schiffsglocke auf dem Boot Dagmar Aaen.© Nils Bröer / Raufeld Medien

Nachhaltiges Reisen liegt im Trend. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit mittlerweile bei der Planung Ihrer Expeditionen? Es sind ja Extrembedingungen die Sie bei der Planung für Ihre Expeditionen zugrunde legen müssen (1 Kilo Fleisch pro Husky pro Tag in der Antarktis – bei zwölf Hunden und 5000 Kalorien pro Mensch pro Tag). Schaffen Sie es, Ihre hohen Maßstäbe zu halten und was hat sich in punkto Nachhaltigkeit bei der Expeditionsplanung in den letzten Jahren verändert?

Also, wenn Sie eine Skiexpedition zum Nordpol unternehmen, oder mit Hundeschlitten durchs grönländische Inlandeis fahren, dann gibt die Natur die Rahmenbedingungen vor. Das heißt: die Hunde brauchen eben dieses eine Kilogramm Futter und der menschliche Organismus braucht äquivalent seine 5000 Kalorien, sonst schafft er es nicht, seine 37 Grad Körpertemperatur zu halten, und dazu noch die schwere physische Arbeit zu leisten.

Aber man ist Minimalist auf solchen Reisen und man reduziert sich auf ein absolutes Minimum, weil man gar nicht mehr mitnehmen kann. Das gilt auch für das Reisen mit dem Segelschiff. Klar haben wir die Möglichkeit, auch mal frisches Obst und Gemüse mitzunehmen, aber irgendwann ist das aufgebraucht. Man muss haushalten und lernt, die Ressourcen wertzuschätzen. Wenn Sie vier Wochen lang nicht ein einen Apfel gebissen haben, dann nehmen sie den Apfel ganz anders wahr.

Ich glaube, die Sensibilisierung des Teams, mich eingeschlossen, für Ressourcen wie Nahrungsmittel und die Natur im Allgemeinen ist eine Art der Bewußtseinsbildung, die einhergeht mit diesen Reisen. Das sind ja keine Luxus- oder Urlaubsreisen, sondern recht extrem gestaltete und mitunter existenziell bedrohliche Situationen, die wir durchleben. Das alles in Kombination lässt mich häufig innehalten und viele Dinge wertschätzen, die hier zuhause ganz selbstverständlich sind.

Wie hat sich Ihre Expeditionsplanung konkret verändert?

Gerade wenn es um Ernährung geht, gibt es einen ständigen Dialog mit der Crew. Wir suchen heute unsere Nahrungsmittel sehr viel bewusster, eben nach Nachhaltigkeitskriterien aus. Der Fleischkonsum auf dem Schiff ist deutlich gesunken in den letzten Jahren, nicht nur, weil wir Vegetarier im Team haben. Andererseits machen wir uns Gedanken darüber, was ist das für Mehl, ist es Vollkornmehl, woher kommt das Mehl? Wir kaufen mit einem ganz anderen Bewusstsein ein und rüsten das Schiff mit einem ganz anderen Bewusstsein aus, zum Beispiel mit Fairtrade-Produkten.

Wenn Sie zurückkommen von Ihren Expeditionen, haben Sie zuhause das Gefühl dass es noch eine Menge zu tun gibt, oder sind wir auf einem guten Weg?

Ich glaube, es hat sich sehr viel verändert im Bewusstsein der Menschen. Nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern insgesamt. Das merkt man ja schon am Angebot von Bioprodukten, die vor sechs Jahren bei weitem nicht den Stellenwert hatten, den sie heute haben. Sich jetzt aber hinzustellen und zu sagen, es sei alles auf einem guten Weg, wäre mit im wahrsten Sinne des Wortes zu dünnes Eis. Es gibt immer Luft nach oben.

Da schließe ich mich auch ein. Ich versuche, an allen Stellschrauben zu drehen, aber würde nie behaupten, das Optimum sei erreicht und damit ist gut. Der Verzicht auf bestimmte Dinge muss ja nicht nur negativ sein. Im Gegenteil: wir sollten anfangen, auch das Positive darin zu sehen. Das kommt langsam im Bewusstsein der Menschen an. Aber das allein reicht noch nicht, wir müssen dicke Bretter bohren!

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